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PROFIL: Michael Rüsenberg |
Der deutsche Jazz ist - wie das ganze Land - ein föderales Wesen. Sicher, es gibt Hochburgen, Zentren, Orte, wo der Jazz auch dank der vielen Fortbildungsmöglichkeiten sich konzentriert. Aber immer wieder stossen doch auch aus der Provinz Musiker hervor, z.B. Hannes Clauss aus Oldenburg. Wer die Stadt in Norddeutschland kennt, weiss, dass man dort gut lebt, sie verfügt über eine respektierte Universität (u.a. mit einer renommierten Abteilung für Popularmusik-Forschung), aber in puncto Jazz liegt sie so weit abseits der Verkehrswege, dass dem Bandleader in Presseartikeln mitunter ein Ausrufezeichen beigestellt wird: "Hannes Clauss aus Oldenburg(!)“. Am Staatstheater der nämlichen Stadt ist Claus für die Musicals zuständig, er unterrichtet an den Musikschulen Oldenburg und Delmenhorst, 11 Jahre lang hat er im nahen Westerstede auch ein Jazzfestival programmiert - eine Jazzmusiker-Existenz mithin, wie sie auch in den Zentren üblich ist. Und Clauss leitet nicht erst seit gestern ein Quartett, erinnerlich ist aus den 80er Jahren seine Vorgängerformation Quartett & Brass, die sich durch ein farbiges Musizierideal auszeichnete. Schon in seinem drum-set lässt sich eine instrumental-technische Voraussetzung für diese Ästhetik finden: „Ich betreibe immer noch eine Art Klangforschung“, sagt Hannes Clauss, „und experimentiere dabei wirklich mit allem möglichen und unmöglichen Equipment herum. Da kommen Weissbleche zum Einsatz oder Metallteile, die einfach irre klingen " verrückte Cymbalkombinationen, die sonst keiner so einsetzen würde.“ Eine Ebene höher, auf der Ebene seines Quartetts, nimmt diese Klangforschung den Ausdruck stilistischer Kontraste an. Und da ist dem Mann aus Oldenburg mit seinem Ensemble und der CD „Dances“ ein glänzender Wurf gelungen: „Wir wollten einfach ausprobieren, was uns so zum Thema – 'Tänze’ einfällt. Einerseits war und ist Jazz eine Tanzmusik - nur können sich viele Leute nicht mehr zu einer Musik bewegen, die ihnen keine gängigen Muster vorgibt. Man braucht die Viertel der Bassdrum, den Backbeat - einen straighten Rhythmus eben. Das Ganze ist oft normierte Bewegung zu normierter Musik.“ Man wird nicht überrascht sein, in „Dances“ das Kontrastprogramm zu diesen Beobachtungen zu finden - wohl aber, in welcher Breite und mit welchen Nuancen Hannes Clauss seinem eigenen Anspruch zu folgen gelungen ist: „Das Umdenken, das Überlagern, das neu Zusammensetzen und die Überraschungselemente - all das ist für mich das Spannendste in der Musik.“ Es sei gestattet, ein Stück repräsentativ für alle aus diesem Programm zu wählen, weil es gleichsam auf engsten Raum, knapp 6 Minuten, diese Intentionen umsetzt: „Sarah-Bande“. Das Stück startet mit Kontrabass und Schlagzeug, und man hat kein Problem, einen hüpfenden 4/4-Takt zu erkennen. Wenn aber die Gitarre nach 4 Takten hinzutritt, gibt sie dem Stück einen kleinen Schubs - in einen 7/8-Takt. Weitere 16 Takte später wendet die Klarinette das Blatt in Richtung „Klezmer“. Und wenn sie das Thema wiederholt, geschieht etwas Merkwürdiges: die Klarintette changiert nun permanent zwischen dem Thema von „Sarah-Bande“ und Bruchstücken aus Ravel´s „Bolero“. Man darf sich festhalten an Vertrautem, während drumherum der Kontext ständig sich wandelt. Das Stück durchläuft diverse Stadien, von kammermusikalisch bis rock-frech, die Rhythmusgruppe setzt partienweise aus, und steigt wieder ein mit einm forcierten Swing-Rhythmus! „Sarah-Bande“ schliesst, indem es alle seine Elemente noch einmal konzentriert. Bravo! Das Stück kommt mit einer geradezu fröhlichen Leichtigkeit daher, und wer mag, darf tiefer eintauchen und sich an seinem Schaltplan delektieren. Und ähnlich verfährt das Hannes Clauss Quartett mit den anderen Stücken seines Tanz-Programmes: nichts bleibt, wie es zunächst anmutet, immer findet sich eine Drehung, eine Überraschung, und wäre es nicht „Dances“ überschrieben, müsste man diesem Programm glatt etwas „Tänzerisches“ bescheinigen. Es steht wirklich nicht auf dem Disco-Fuss und ruft assoziativ eher das Bild einer Ballettänzerin hervor. Und wenn wir noch eine Assoziation anfügen möchten, dann das Assoziationspaar „weich“ und „hart“. Es erwächst aus dem Kunstgriff, die frontline dieser Band mit deutlich kontrastierenden Instrumenten auszustatten. Der Klarinette bzw. Bassklarinette („weich“), steht die elektrische Gitarre („hart“) gegenüber, und beide werden von ausgesprochenen Charakterköpfen bedient. Der Gitarrist Werner Neumann ist ein Meister auf der Skala zwischen Andeutung und Ausbruch, er gehört zu den wenigen in Deutschland, die die knallharten Jazzrock-Patterns sauber ausphrasieren. Man erlebt ihn seit Jahren zwischen Pop bei Wolf Maahn und dem „amerikanischen“ Jazzfunk der Franck Band. Und was die Klarinette bzw. Bassklarinette betrifft, so dürfte in Deutschland schwerlich ein kompetenterer Musiker zu finden sein, als der gelernte Schweizer Goldschmied und Wahl-Kölner Claudio Puntin. Insbesondere seit er mit seiner Ehefrau, einer Violinistin aus Island, die nordische Folklore sich erschlossen hat, schillert sein Instrument in einer tropischen Ausdrucksvielfalt. Vermisst man ein
weiteres Harmonie-Instrument? - Keineswegs! |