|
Jazz & Malerei Drums & Percussion
6/99 |
Mit seinem Quartett tourt der Drummer Hannes Clauss schon seit einigen Jahren durch die europäischen Jazz Clubs. Seine neue CD gehört wohl sicher zu den besseren Jazz-Produktionen des Jahres - und daher war ein Interview schon fast überfällig. Nachdem uns die beiden CDs des Hannes Clauss Quartetts überzeugten und ein erstes Telefonat positiv verlief, war der Termin im Kölner Stadtgarten nur noch reine Formalität. Bei Milchkaffee und leiser Hintergrundmusik erwies sich Hannes Clauss als überaus ergiebiger Gesprächspartner, der viele Fragen schon in seiner Erzählung beantwortete, bevor sie eigentlich gestellt waren. Da sein Name außer in CD-Rezensionen in unserem Magazin noch nicht auftauchte. lassen wir ihn einfach selbst seine Geschichte erzählen, die ohne Zwischenfragen eigentlich schon ein komplettes, kleines Portrait des Malers und Musikers Hannes Clauss darstellt. "Ich habe im
Alter von fünfzehn Jahren mit dem Trommeln begonnen, in einer Dixieland
Band - und das ist jetzt immerhin schon knapp 35 Jahre her. Nach dem Ersatzdienst
hatte ich dann meine erste Rock Jazz Band und habe mich intensiver mit
dem Jazz an sich beschäftigt. Vorher war es immer so, daß ich
Jazz zwar gerne hörte, mir aber der Bezug zur Musik irgendwie fehlte
- das Verständnis, zu entschlüsseln. was die Musiker da eigentlich
machten. Ich habe mir dann reichlich Platten geholt, die Musik intensiv
studiert und zusammen mit einigen Musikern meiner Band einen Jazz-Workshop
in Burghausen besucht, bei Joe Viera. Heinrich Hock hat den Schlagzeug-Unterricht
dort geleitet und mir Triolen erklärt und notiert, ohne daß
ich überhaupt wußte, wovon er jetzt spricht. Erst als er mir
die Etüde vorspielte, wurde mir bewußt, daß ich so etwas
ja auch schon länger benutze. Ich hab mich dann musikalisch vollends
Richtung Jazz konzentriert, zwar immer wieder in Rockbands getrommelt.
aber dies mehr und mehr aufgegeben. Hannes Clauss:
Ich arbeite freiberuflich auch am Staatstheater in Oldenburg und trommle
dort bei Musicals oder im Schauspiel. Die "Rocky Horror Picture Show"
oder "Der kleine Horrorladen" gehören hier genauso ins
Repertoire wie sehr freie musikalische Geschichten. Zudem habe ich eine
halbe Stelle an der Musikschule - und beides kombiniert lässt mir
die Freiheiten, die ich für meine eigene Musik und die Malerei brauche.
Wenn ich nur von Jazzkonzerten leben müßte, sähe es schon
schlechter aus, aber so kann ich immer wieder in Produktionen investieren,
wenn ich Gigs gehabt habe und dadurch meine Musik am Leben erhalten. H.C. Genau,
hier kombiniere ich Jazz, Klassik und vieles mehr zu einem eigenständigen
Gemisch, meiner Sprache. Das alles geschieht jedoch immer in der Band,
was sehr wichtig ist. Hier hat jeder seinen Anteil und auch kompositorisch
bringt sich jeder ein. Allein durch die recht ungewöhnliche Frontline
ist die Musik schon interessant, auch wenn die Themen manchmal eher simpel
sind. Mich interessiert ohnehin mehr das fertige Gesamtprodukt und nicht
die technischen Spielereien. Stimmungen und Bilder finde ich weitaus wichtiger
als bekannte Strukturen der Musik - und für mich persönlich
ist eine CD ein Gesamtkunstwerk. Ich sehe daher die beiden CDs "Walk"
und "Dances" auch als mein Statement zur deutschen Jazz Szene
an. Mit anderen Bands habe ich lange genug die traditionelle Schiene bedient
- und jetzt konzentriere ich mich hauptsächlich auf mein Quartett. H.C. Stimmt, ich betreibe mit einigen Musikern immer noch eine Art Klangforschung und experimentiere dabei wirklich mit allem möglichen und unmöglichen Equipment her um. Da kommen Weißbleche zum Einsatz oder Metallteile, die interessant klingen - verrückte Cymbal-Kombinationen, die sonst keiner so einsetzen würde. Als Set habe ich hier ein altes Sonor Kit aus den 60-er Jahren, was ich etwas modifiziert habe, und für die regulären Gigs mit dem Quartett benutze ich ein Sonor Rosewood. Alles nichts Neues und hyper-Angesagtes, aber eben wiederum sehr persönliches Equipment. H.K. Inwieweit beeinflusst dich deine Arbeit am Theater bei deiner Musik, deinem Stil am Set? H.C. Es beeinflusst
sich irgendwie alles. Durch das Theater ist mir z.B. der visuelle Aspekt
bei Konzerten viel deutlicher geworden. So achte ich jetzt mehr auf meine
Kleidung oder gebe den jeweiligen Solisten einen stärkeren Fokus.
Genauso ist es, wenn ich einen Gig mit frei improvisierter Musik hatte
und dann mit dem Quartett arbeite. Da geht man Grooves anders an, spielt
vielleicht nur Toms, sprich Fellsounds, oder nur HiHat und Cymbals, oft
nur Geräuschhaftes. H.K. Du hast als Autodidakt einen Lehrerjob bekommen, wie ist so etwas möglich? H.C. Ich hatte einfach schon einen guten Namen im Jazz, habe mit Joe Viera gespielt, der pädagogisch sehr engagiert war, was mir damals sehr geholfen hat. Meine erste Halbtagsstelle war in Delmenhorst an der Musikschule, und ich habe zu der Zeit auch noch reichlich gelernt, durch Kurse mit Peter Giger oder Gerry Brown. Zudem hatte ich einfach einen guten Draht zu Schülern, da ich ja als Autodidakt ähnliche Erfahrungen gemacht hatte. Hinzu kam die Zeit der Bildungsreform, die etwas durchlässiger war, und ich hatte einfach Glück und erhielt die Chance, diesen Job anzunehmen. Ich habe den Sprung ins kalte Wasser dann gewagt und bis heute definitiv nicht bereut. Meine Schüler sind heute vom Kleinkind bis hin zum anspruchsvollen Amateur voll bei der Sache und ich denke, daß ich ihnen auf meine Art recht gut einiges vermitteln kann, da ich nicht der typische Lehrer bin, mit staubtrockenem Lehrstoff. H.K. Wo liegt denn heute die Faszination des Jazz und deiner Musik mit dem Quartett für dich persönlich? H.C. Einfach in den improvisatorischen Ausdrucksmöglichkeiten, die wir haben und eben auch in dem Publikumszuspruch, den wir bei Konzerten genießen. Wir erreichen das Publikum immer mit unserer Musik - und das erhält einem den Optimismus. Klar haben wir nicht den Bonus der Amerikaner, aber das ist eben ein Teil der deutschen Geschichte, wo durch den Nationalsozialismus auch im Bezug auf Musik einiges schiefgelaufen ist. Ich kann mich persönlich in meiner Musik voll entfalten und ausdrücken, da wir stilistisch nicht so festgelegt sind. Die CDs bringe ich auf den Markt, um mir Gehör zu verschaffen, meine Interessen zu verwirklichen. Dadurch, daß wir in der Besetzung Gitarre, Bass, Schlagzeug und Klarinette arbeiten, prallen tolle Melodien auf rotzige Gitarren - und der Stil wird automatisch recht eigenständig. Ich lebe einfach diese Musik, muß sie rauslassen - und das halt in Form von Konzerten und CD. Als Musiker fasziniert mich immer noch meine eigene CD und ich entdecke hier selbst immer wieder interessante Parts, wo ich mich wundere, daß wir das im Studio so gespielt haben. H.K. Du bist hier aber nicht nur musikalisch sehr engagiert, sondern erledigst auch die geschäftliche Arbeit, die zu einem solchen Projekt gehört? H.C. Genau, und das ist der weniger amüsante Part. Da wir nicht ständig proben können, schon alleine der Tatsache wegen, daß wir in unterschiedlichen Regionen leben, ist das ganze Projekt immer blockmäßig aufgeteilt. Man trifft sich für eine kurze Tour mit vorherigen Proben oder eben zur CD Produktion und ansonsten geht jeder seinen eigenen Projekten nach. Für "Dances" hatte ich die Idee zum Thema, schließlich ist Jazz immer noch eine Form von Tanzmusik. Jeder hat dann seine Ideen beim Proben vorgebracht - und die haben wir dann produziert. Insofern ist das Ganze schon ein Bandprojekt, das lediglich meinen Namen trägt. Die Musiker haben alle ein hohes Niveau und da ist es wirklich nicht nötig, musikalisch etwas vorzuschreiben. Ich liefere z.B. eher Ideen in Form von Bildern oder kurzen thematischen Skizzen, die die Band dann musikalisch umsetzt. Selbst im Studio entstand noch ein Stück recht spontan, das Lieblingsstück meiner Töchter, da es vielleicht etwas klarer, straighter klingt als vieles andere. Ansonsten ist die Produktion im Prinzip live eingespielt mit ganz wenigen zusätzlichen Spuren. Mir persönlich ist das schon sehr wichtig, da die Stimmungen der Stücke so weitaus besser rüber kommen, als bei getrennter Aufnahmetechnik. Mit einer gut eingespielten, arbeitenden Band ist das auch wirklich kein Problem. H.K. Wie bist du eigentlich auf die Besetzung mit der Klarinette gekommen? H.C. Durch meine Interesse an der Musik von Eric Dolphy. Über den Bassisten Martin Wind bin ich an Claudio Puntin geraten, der Bass-Klarinette spielt und im Quartett sofort unheimlich harmonierte. So verrückt die Besetzung Gitarre/Klarinette auf den ersten Blick sein mag, so interessant ist die Musik letztendlich. Mittlerweile haben wir eine Klarinettistin, da Claudio rein zeitlich nicht mehr zur Verfügung stand. Dadurch haben sich neue Perspektiven ergeben, musikalisch und optisch, was die Präsentation betrifft. Das Spiel der Geschlechter ist jetzt auch etwas Neues für uns, was wir rein instrumental umsetzen wollen. H.K. Was bringt die Zukunft? H.C. Hoffentlich
viele Gigs für das Quartett. Ich bin jetzt dabei, all dies zu sondieren
und möchte eine möglichst kompakte Tour zusammenstellen, um
das Album halt auch auf die Bühne zu bringen. Es gibt die Überlegungen,
mit drei bis vier anderen Bands zusammen einen Manager und Booker zu engagieren,
der sich um diese Geschäfte kümmert. Dann ist da noch mein Free
Jazz Projekt HCL und ansonsten arbeite ich auch mit der französischen
Kontrabassistin Joelle Leander zusammen in einem international besetzten
Oktett. Wir spielen zeitgenössische Musik bis hin zum Free Jazz.
Hier gibt es einiges Interesse, und vielleicht gibt es auch eine Produktion
in diesem Jahr. Natürlich ist ein solches Projekt nicht so einfach
zu handhaben, alleine wegen der internationalen Besetzung. Ansonsten bin
ich ja noch musikalischer Leiter des Westersteder Jazzfestivals, was nicht
nur Spaß, sondern auch reichlich Arbeit bedeutet. Hier ein gutes
Programm mit guter Besetzung zusammenzustellen, in dem die deutschen Musiker
überwiegen, liegt mir natürlich auch am Herzen. Ich habe hier
meine eigene Programm-Politik und bin damit in den letzten Jahren wirklich
gut gefahren. Es gibt immer musikalische Schwerpunkte in jedem Jahr und
der Erfolg des Festivals spricht hier wirklich für sich. Für
das nächste Festival möchte ich große Besetzungen vorstellen,
vom Oktett an aufwärts, aber im Rahmen unserer finanziellen Möglichkeiten.
All dies zusammen ist schon fast das Programm für einen Workaholic,
der ich eigentlich gar nicht sein möchte. Da ich mich aber bisher
in allen Dingen persönlich und musikalisch voll entfalten konnte,
fällt mir die Menge der Arbeit gar nicht so auf.
|