CD-Kritiken

WALK

Doch auch unser alter Kontinent hat mit dem Quartett um den Oldenburger Schlagzeuger Hannes Clauss eine äußerst intelligente, witzige und unerhört musikalische Aufnahme zu bieten. Auf dieser herrlich eigenständigen Einspielung durchstreifen die vier Topmusiker etliche Jazzsparten, ohne nur eine Sekunde zu langweilen oder ausgslatschte Pfade zu betreten. In hervorragendem Sound sind hier acht Kompositionen zu hören, die weitab von jeglicher Banalität oder sturer US-amerikanischer Fixiertheit nicht nur puristischen Jazzfans ein ungemein anregendes und lustiges Erlebnis bieten
Mainzer Rheinzeitung 12/95

Wer meint, der Jazz hätte im ausgehenden 20. Jahrhundert keine Überraschungen mehr zu bieten, sollte sich diese CD anhören. Denn was die Musiker um den Oldenburger Drummer Clauss eingespielt haben, weigert sich nicht nur standhaft, in jedes gängige Klischee gepreßt zu werden, sondern entpuppt sich zudem als überaus auf- und anregende Mixtur aus allen erdenklichen Jazz-Stilen von New Orleans über Latin bis hin zum Hardbop.
Donau-Kurier 12/95

Schlagzeuger Hannes Clauss gehört zu der recht kleinen Zahl von Drummern, die sowohl in experimentell freien als auch in konventionellen Zusammenhangen zu beeindrucken wissen. Nicht nur in der Bremer Improvisationsszene wird der Oldenburger wegen seines einfallsreichen Spiels geschätzt. Zusammen mit Claudio Puntin (cl, b-cl), Werner Neuman (g, tp) und Thomas Biller (b) hat er jetzt ein Album eingespielt, das seine andere Seite zeigt. In acht Stücken, vier davon vom Leader selbst geschrieben, spielen sich die Musiker durch verschiedene Stilrichtungen des zeitgenössischen Modern Jazz. Dabei zeichnen sich die Arrangements durch eine verblüffende Leichtigkeit aus. in der allerdings immer kleine harmonische und rhythmische Widerhaken versteckt sind. So ist ein abwechslungsreiches musikalisches Kaleidoskop entstanden, das immer kleine Überraschungen bereit hält.
Bremer 1/96

Mit einer Mixtur aus allen denkbaren Stilarten des Jazz beweist das Quartett, daß es im Jazz immer innovative Kreationen gibt. Homogener, kompakter Sound zeichnet diese CD aus.
Quirini´s Mediendienst 1/96

Romantisch-lyrisch bis bretthart geht's zu auf dem Debut-Silberling des Hannes Clauss Quartett. Neben dem Leader (Drums, Percussion und Vocals) sind Bassist Thomas Biller, Multiinstrumentalist Werner Neumann und der Klarinettist Claudio Puntin mit von der lebhaften Partie.
Rhythm & Groove, melancholische Momente, breit angelegte Soundflächen, der Spielbälle sind viele, handfest und punktgenau werden sie genutzt und umgesetzt. Humorvoll und bisweilen schräg geht's zu, die oft zitierte Spielfreude wird hier großgeschrieben. Ein gelungener Erstling.
Jazz Podium 2/96

Eine Überraschung erster Güte ist die CD "Walk" des Oldenburger (!) Schlagzeugers Hannes Clauss. Sie ist Beispiel dafür, welches Niveau junge deutsche Musiker heute mit ihrer ersten Veröffentlichung erreichen können. Das Quartett spielt nicht nur talentiert und intelligent, sondern auch bewegend. "Machixe" hat eine sprudelnde lateinamerikanische Fröhlichkeit, "So that" eine sensible Tango/Pasodoble-Sanftheit und "Nix Marsch" knüpft mit wuchtigen Trommelwirbeln glatt an Art Blakeys "Blues March" an. Geradezu eine kleine Offenbarung ist der Klarinettist Claudio Puntin, der mit schluchzenden, hingehauchten und jubilierenden Klezmer-Tönen verblüfft. Wer hat einen Goi schon mal so spielen gehört?
Stuttgarter Zeitung 2/96

Aber du, Oldenburg, bist keineswegs die geringste unter den Städten, denn du hieltest als deinen Sohn Hannes Clauss in deinen Mauern geborgen und ließest ihn heranreifen zum Drummer, der das nach ihm benannte Quartett mit Thomas Biller (Kontrabaß), Werner Neumann (Gitarre) und Claudio Puntin (Klarinette) rhythmisch trägt. Acht Kompositionen von Clauss, Neumann und Puntin versammelt das Album 'Walk'. Will der Titel auf Spaziergänge durch verschiedene Stilrichtungen des Jazz hinweisen? Ausgedehnte Spaziergange! Sämtliche Titel über (z.T. weit über) fünf Minuten. Das sind beschwingte Spaziergange wie z.B. im Opener:
'Machixe' - eins Nummer, die unter Latineinfluß leichtfüßig daherkommt, mit einer last schon übermütigen Klarinette karnevalesk wirkt und wohl auch wirken soll. Da gibts aber auch Tracks, die den Eindruck vermitteln, als solle hier der finale Gang ins Wasser zelebriert werden. 'So That', ein Tango, ist ein derartiger Titel. Doch egal ob die Formation eher bedächtig besinnlich oder mehr forsch resolut aufspielt - stets ist der Hörer begeistert von ihrem ebenso differenzierten wie homogenen Zusammenspiel, stets begleitet er die Gruppe willig und mit Vergnügen auf ihren Spaziergängen. Eine Scheibe, von der man auch nach mehrmaligem Anhören nicht genug kriegen kann.
(Kate)/Regensburger Stadtzeitung 3/96

Dances

Wer das Hannes Clauß Quartett schon einmal live gehört hat, weiß, wie vital und einfallsreich seine Mitglieder zu Werke gehen. Das ist auf der hier vorliegenden zweiten CD dieser Band nicht anders. In die Thematik der Platte wird gleich mit Power eingestiegen - mit einem treibenden Bass und Drum-Groove und rasanten Unisono-Läufen von Gitarre und Klarinette, die in einen musikalischen Mann-Frauen-Dialog münden. Akustisch illustriert werden hier auf humorvolle Weise das Umwerben, das Schmeicheln und das sich Zieren. Es folgen drei Miniaturen. "Anleitung zum Tanz", "Vor dem Spiegel", und "Vamos". Sie enthalten Stimmeffekte (mumble) und abstrakte Latino-Einsprengsel durch den Einsatz der Percussionsinstrumente. Kontrabassist Thomas Biller bestimmt klanglich das nächste Stück - "Waiting for Waltzing". Er spielt das Thema, das eine gute Kanon-Melodie abgäbe, und seinen solistischen Part mit Bogen. Verfremdungseffekt werden hier eingebaut durch die Akkordfragmente von Gitarrist Werner Neumann, die wie ein verstimmtes Kneipenklavier klingen. Ungewöhnlich auch der Sound der präparierten Bassklarinette, mit der Claudio Puntin im Stück "Inner Dancer" wie ein Rock-Gitarrist phrasiert. Bei "Sarah-Bande" wird Ravels Bolero zitiert und umspielt, und wenn man es sich gerade gemütlich gemacht hat, den Melodiefluß von Gitarre und Klarinette zu genießen, verhält sich die Band wie Kinder am Urlaubsstrand, die die gerade fertiggestellte Sandburg lustvoll wieder zerstören. Das Ganze landet dann in einem Up-tempo-Swing, in dem Gitarrist Werner Neumann solistisch brilliert. Über das sich minimalistisch bewegende "Ringelreihen", einem Stück mit fast volksliedhafter Melodik, bis zur meditativen Klangweite in "Ocean dance", die an Jan Garbarek erinnert, reicht das restliche Spektrum dieser CD - und ist wegen ihrer Vielgestaltigkeit überaus interessant und hörenswert.
Klaus Briest/Jazz Podium 11/98

Phantastische Scheibe, die dem ambitionierten Jazz zeigt, wo's im nächsten Jahrtausend langgehen könnte -und vor allem, welches Potential noch in der Quartettbesetzung liegt. Für mich ist "Dances" eine absolut geniale Symbiose aus klassischer Tradition und Moderne, die sich dabei nicht krampfhaft ans ein oder andere Ende klammert. Nicht immer einfach zu hören, dafür langweilt die CD aber auch nicht bereits beim zweiten "Konsumieren".
KS/SOLO 1/99

Wenn dieses Quartett live auch nur halb so einfallsreich agiert wie auf der aktuellen Produktion "Dances", dann dürfte jedes Konzert zu einem mitreißenden Jazz-Abend werden. Hier gibt es perfekte Dialoge zwischen den Melodie-Instrumenten Gitarre und Klarinette, gefestigt von einer treibenden, groovenden, keuchenden und meist extrem vitalen Rhythmus-Gruppe. Man arbeitet mit Verfremdungs-Effekten genauso wie mit bekannten Themen: Ravel's Bolero, der jedoch lediglich als kurzes Zitat auftaucht. Ein insgesamt tolles, in sich stimmiges Werk, extrem vielseitig, perfekt eingespielt, voller Ideen und teils ein wenig an Altmeister Jan Gabarek erinnernd, dann jedoch wiederum so eigenständig wie eben möglich. Selbst nach mehrmaligem Hören entdeckt man noch kleinere Spielereien, die vorher verborgen waren und somit zum Geheimnis dieser Platte beitragen, welches es zu lüften heißt. Es lohnt sich nämlich wirklich, sich mit dieser Musik intensiv zu beschäftigen.
Klaus Kronberger/drums & percussion 2/99

Dances, Tänze, betitelt Hannes Clauss seine aktuelle Produktion und führt den Hörer bereits beim ersten Stück "Wenn Zwei sich finden" aufs Glatteis. Mit großer visionärer Kraft verbinden Clauss und seine Mannen auf diesem Album Tradition und Moderne, führen sie lyrische Themen, traditionelle Tanzformen, moderne Grooves und klassische, nicht ohne Augenzwinkern eingesponnene Zitate zusammen. Da finden sich melancholisch Kletzmer-Klänge unmittelbar neben Uptempo-Lines á la Mike Stern und Co., da holpert ein stilisierter Ländler in unmittelbarer Nachbarschaft eines famosen Hiphop-Grooves - der Kontrabaß übernimmt dann kurzfristig die Rolle des Samplers für die "Special FX" - das in der formalen Anlage und dem Arrangement "klassische" Thema mündet unversehens in einer freien Improvisation - kurzum, der musikalische Kosmos auf "Dances" ist grenzenlos. Ihn zu entdecken, ihn zu bereisen wird man niemals müde. Und kaum, daß man "Dances" einmal zuende gehört hat, möchte man erneut den CD-Spieler starten, weil man eigentlich gar nicht glauben mag, was man soeben erlebt hat. Wo sich der Jazz vielfach noch in Paradigmen, in puristischen Reinheitsdiskussionen verschränkt, hat das Hannes Clauss Quartett längst schon den nächsten Schritt genommen und zeigt in kompromißloser Konsequenz den Weg ins nächste Millennium. Ein phantastisches Album, dessen Faszination sich wohl kaum jemand entziehen kann.
MS/Vintage Guitar News 3/99

Eine sehr abwechslungsreiche, aus der Fülle der Neuveröffentlichungen herausragende Einspielung legt der Oldenburger Schlagzeuger Hannes Claus mit seinem Quartett vor. Einen Großteil der Spannung und des Reizes beziehen die Songs dabei aus dem so unterschiedlichen, aber kongenialen Spiel des Klarinettisten Claudio Puntin und des Gitarristen Werner Neumann. Deutlich hörbar bei "Certain Circums Dances": melodiös-fließend die Linien Puntins, parallel dazu rockig-verzerrt die Gitarre Neumanns. Man meint, zwei unterschiedliche Songs auf einmal zu hören. Immer wieder wirft Neumann seine Riffs in den Raum, die nicht selten die zuvor "erspielten" Klanggebäude zum Wackeln oder auch zum Einsturz bringen. Der Bassist Thomas Biller und Clauss tragen dabei zu den Klanggebäuden und -farben nicht nur bei, sondern machen sie erst möglich. Das Wort Rhythmusgruppe für diese beiden wäre hier ein Schimpfwort. Gerade Clauss läßt mit seinem Spiel das für Schlagzeuger häufig enge Korsett weit hinter sich. Die Anleihen bei den unterschiedlichsten Stilen - von Latino über Ravel bis zu meditativen Sounds - und die Musiker mit ihren unterschiedlichen Vorlieben machen "Dances" zu einer spannenden Angelegenheit auf sehr hohem musikalischen Niveau.
PS: Hier soll kein Oldenburger gepusht, sondern gute Musik ans Herz gelegt werden!
Pet/Diabolo 3/99

Der Schlagzeuger und Perkussionist Hannes Clauss gehört zu den eigenwilligsten Köpfen des zeitgenössischen Jazz. Das wird auch auf der aktuellen Disc "Dances" (Acoustic Music Records) seines mit Werner Neumann (g), Claudio Puntin (cl) und Thomas Biller (b) besetzten Quartetts deutlich. Die weist zahllose Ecken und Kanten auf. Die Musik ist schräg und sperrig, wird meist gegen den Sirich gebürstet, weist dennoch einen gewissen (schroffen) Charme auf. Avantgardistischer Jazz nicht für Swinger, sondern allein für Kopf-Hörer.
Wiesbadener Tageblatt 4/99

Ist das noch Jazz ? Je öfter man dieses Album hört , um so mehr hat man den Eindruck , daß hier die Musik des nächsten Jahrhunderts vorweggenommen worden ist. Es ist faszinierend wie es Clauss und seinen Mannen gelingt Tradition und Modernes kompromißlos zu verknüpfen. Ein Album das viel Raum für Entdeckungen läßt.
Quirini´s Mediendienst 4/99

...Zu welchen Wechselbädern ein akustisches Jazz-Quartett finden kann, wenn es die Grenzen der eigenen Sprache auslotet, demonstriert die Formation des Drummers Hannes Clauss. Ausnahme-Klarinettist Claudio Puntin und E-Gitarrist Werner Neumann spannen das Spektrum von Kammer-Finessen bis zur Rock-Power, und das Konzept-Thema "Tänze" ist natürlich für jede Menge ethnischer und ironischer Zutaten gut. Starke Einfälle, knackige Stücke, null Schublade.
Hjs/Jazz thing 5/99

Nach "Walk" heißt es beim Quartett des Schlagzeugers Hannes Claus nun "Dances", also Tänze. Und tänzerisch leicht und wie selbstverständlich beschwingt klingen alle elf Stücke dieser (wohl wieder unterschätzten) Aufnahme. Mit Claudio Puntin an Klarinetten, Thomas Biller am Bass und dem Gitarristen Werner Neumann wird hier ein unverkrampft offenes, humorvolles und verspieltes Stück Musik offeriert, dessen Magie wie schon beim Vorgängeralbum schier bezwingend ist.
Ob sich "Waiting For Waltzing" im Dreivierteltakt wiegt, "0-Rhesus-Negativ" hypnotisiert oder "Ocean Dance" sehnsüchtig träumt, hier finden sich tolle Melodien, herrliche Klangfarben und viel Offenheit. Bei aller Offenheit wird aber hier nicht zerfasernd gegeneinander gespielt, sondern aufeinander gehört und Improvisation entwickelt. Hier tanzen die Instrumente miteinander, so verschiedenartig die Ansätze auch sein mögen.
Die innere Dramaturgie des Ganzen, die wie ein Naturgesetz erscheint, macht diese Scheibe wirklich großartig.
Mainzer Rheinzeitung 5/99

Lyrische Themen, traditionelle Tanzformen, moderne Grooves und klassische Zitate prägen das ausgelassene Treiben des Quartetts um Drummer Hannes Clauss auf "Dances", zudem gehören auch melancholische Klezmer-Klänge, HipHop-Anleihen und Uptempo-Lines ä la Mike Stern & Co. zum spannend-bunten Sammelsurium dazu. Unvomersehbar agiert die Band, kompromißlos konsequent im Zusammenschweißen von Dingen, die (nur scheinbar) nicht zusammenpassen können. Über Reinheitsdiskussionen können Clauss & Co. nur herzhaft lachen, und diese fröhliche Offenheit ist ansteckend.
Thomas Tang/Jazz Podium 6/99

Hannes Clauss Quartett meets
Nairobi City Ensemble

Diese Aufnahme kam als eine recht spontane Kooperation im fernen Afrika zustande: Das Quartett von Schlagzeuger und Percussionist Hannes Clauss war 2001 hier auf Tournee. Bei einem Workshop in der kenianschen Hauptstadt lernten die Musiker aus Deutschland das Nairobi City Ensemble kennen - und schätzen. In der gemeinsamen Zeit wurde die Idee zu »Mama Africa« geboren und vor Ort in die Tat umgesetzt: Gegen Ende der Tour ging man gemeinsam ins Studio und nahm die ersten Spuren mit Ideen der afrikanischen Freunde auf. In Deutschland wurden diese Aufnahmen dann überarbeitet und arrangiert. Herausgekommen ist Weltmusik im besten Sinn und damit nicht unbedingt das, was man bei einem solchen Projekt erwartet hätte: Wirklich jeder Musiker ist mit all seinem Background dabei und trägt seinen individuellen Teil zu »Mama Africa« bei. Dazu gehören E-Gitarren, Drumcomputer, Samples, jazzige Klarinettensoli und Rapeinlagen genauso wie traditioneller afrikanischer Gesang. Nicht nur der Titeltrack ist eine Liebeserklärung an den Kontinent und an die Musik. Freundlicherweise sind die Songtexte im Booklet in englischer Sprache abgedruckt und die Stücke zudem erläutert.
drums & percussion 3/05

Ein gelungener Brückenschlag zwischen den Kulturen: 2001 bereiste das Quartett des Schlagzeugers Hannes Clauss Afrika, unterstützt vom Goethe-Institut. In Nairobi traf man auf die Vokalisten des Nairobi City Ensembles und nahm acht Stücke der afrikanischen Gruppe auf. Allerdings nur die Vokalspuren. Die übrigen Arrangements arbeitete das Quartett in den heimischen Studios aus. In Bezug auf das Endresultat kann man Hannes Clauss' enthusiastischen Liner Notes zustimmen: „Tanzbar, lyrisch, rhythmisch, phantasievoll, melodisch, experimentell" ist diese Musik in der Tat durchweg. Der Gesang der Afrikaner, ob solistisch oder in facettenreichen Chorarrangements, ist eingängig und nie ethnopoppig simplifizierend. Die afrikanischen Texte wurden im Booklet dankenswerterweise übersetzt und kommentiert. Die Arrangements arbeiten die motivischen und rhythmischen Ideen konsequent und schlank im Klang aus. Die Vokallinien werden mit ideensprühenden Grooves und melodischen Kontrapunkten unterlegt, und die solistischen Beiträge passen sich der lockeren Grundstimmung an. Ein Charakteristikum hat Hannes Clauss in seiner obigen Aufzählung vergessen: kurzweilig ist die Musik, jenseits von Ethnopopklischee, z. B.im mitteleuropäisch angehauchten Klagegesang „Swali" oder beim strammen Beat von „The Motherland". Zwei Stücke gibt es zusätzlich als gekürzte (radiotaugliche) Versionen. Es wäre wünschenswert, wenn dieses Projekt auch auf diese Weise Anerkennung erhalten würde - und wenn es Gelegenheit gäbe, diesen gelungenen Kulturaustausch auch auf deutschen Bühnen live zu erleben. Vielleicht bietet sich bald die Möglichkeit für ein Vol. 2.

Thorsten Meyer/Jazz Podium 3/05

Begegnungen mit dem Nairobi City Ensemble in Afrika

Wer die Musik des Hannes Clauss Quartetts - live oder auf Konserve - verfolgt, muss immer mit Überraschungen rechnen. So auch bei der neuen CD „Mama Africa". Nachdem die Band 2001 auf einer Afrika-Tournee für das Goethe-Institut in Kenia auf das Nairobi City Ensemble traf, kam es zu einem spontanen musikalischen Austausch. Die nach Hause mitgebrachten Aufnahmen erwiesen sich jedoch als nicht geeignet für eine Veröffentlichung. So begannen in Deutschland die Bastelstunden im Studio. Herausgekommen ist dabei trotzdem eine Produktion, die viele Elemente von Afro-Pop aufweist und erfreulicherweise den afrikanischen Beitrag unverfälscht lässt, ihn nicht als Ethno-Beimischung missbraucht. Es wird gerappt, gefunkt und gegroovt - es gibt reizvolle Dialoge zwi­schen Sängern und dem (auch vom WDR) „ausgezeichneten" Klarinettisten Claudio Puntin. Durch den Gitarristen Werner Neumann kommt auch das Dobro zum Einsatz - ein Instrument, das sonst unverzichtbares Klangelement von Country & Western-Musik ist. Der Kontrastreichtum zeigt sich auch darin, wie ein Song, der wie ein in der Garage aufgenommener Siebziger-Protest-Song beginnt, in einem sehr relaxten Funk-Groove landet (Nying Wuon). Im umfangreichen Booklet liegen die Gesangstexte immerhin in einer englischen Übersetzung vor und sind somit auch hilfreich beim Verständnis des Charakters der Stücke, z.B. wenn es thematisch um das Aufbrechen von Familienstrukturen oder die Friedenssehnsucht auf einem von zahlreichen Konflikten erschütterten Kontinent geht.

Hannes Clauss, wie war das Ausgangsmaterial beschaffen, das Sie in Deutschland bearbeitet haben?

Die Afrikaner hatten ein Tonstudio gemietet und haben uns zu einer Session eingeladen. Es gab nichts schriftlich fixiertes, keine Noten - sie haben uns die Songs einfach vorgespielt und - gesungen und wir haben darauf spontan reagiert. Als wir die Aufnahmen zu Hause anhörten, waren wir mit dem Sound nicht zufrieden. Wir entschieden uns dann, das Material neu zu bearbeiten und haben uns z.B. die Songtexte schicken lassen um zu sehen, was dort inhaltlich transportiert wird und wie wir darauf musikalisch reagieren können. Dieser Prozess zog sich über ein Jahr hin.

Die hier vorliegende Musik ist ja nicht gerade typisch für Ihr Quartett...

Nun - die Songstrukturen waren festgelegt und wir mussten uns überlegen, wie wir unseren Part ausgestalten. Da mein Quartett stilistisch nicht so festgelegt ist, dass wir z.B. nur Hardbop spielen, haben wir hier sehr flexibel reagiert und versucht eine Musik zu kreieren, die witzig, intelligent und abwechslungsreich ist - also das, was wir mit unserer eigenen Musik auch immer versuchen. Unsere bisherigen Alben „Walk" und „Dances" enthalten schließlich unterschiedliche Elemente aus Blues, Rock, Klassik, Jazz und Folklore - es kam bei dieser Produktion also nichts aus dem Nichts! Wir hatten im Gegensatz zur Live-Session im Studio mehr Möglichkeiten zur musikalischen Reflektion und konnten die Platte vielfarbiger anlegen, ohne die ursprüngliche Handschrift der Songs vom Nairobi City Ensemble wegzubügeln.

Sie haben in einem früheren Interview davon gesprochen, dass Ihre Musik bisweilen durchaus fordernd für die Zuhörer sei - sie ist hier zugleich (be-)fördernd im Verständnis des typisch afrikanischen Vokalstils, der Rhythmik und der Songinhalte.

Claudio Puntin und Werner Neumann, die die Arrangements der Songs neu geschrieben haben, orientierten sich wie gesagt an den vorgegebenen Texten und Melodien der Gesangsparts. Das ist natürlich eine andere Vorgabe als eigene Kompositionen zu benutzen. Außerdem nutzte ich die Gelegenheit das Cover selbst zu gestalten - ich habe nach meinem Kunststudium bildnerisch gearbeitet und tue das nach wie vor und will auch im Booklet mehr Informationen geben als die Besetzungsliste und das Aufnahmedatum - gerade auch vor dem Hintergrund des kulturpolitischen Aspekts eines solchen Projekts. Im Übrigen war die ganze Produktionsweise sehr untypisch für ein Jazzalbum, wir haben da sehr viel gelernt - wie man schichtweise aufnimmt, wie man bestimmte Teile wohin platziert etc., also ein Vorgehen wie es in Pop- und Rockproduktionen üblich ist.

Wird es weitere Projekte mit dem Nairobi City Ensemble geben?

Wir sind darüber im Gespräch und würden dies mit der gleichen Produktionsweise durchziehen, weil es die ökonomischste Arbeitsweise wäre. Ansonsten wird sich das Quartett in Zukunft nicht in der World Music wieder finden sondern wieder mehr experimentellere, freiere und verrücktere Dinge machen als eine solche Afro-Platte, die mehr am Mainstream orientiert ist.

Gibt es bleibende Eindrücke musikalischer wie persönlicher Art?

Die musikalischen haben sich schon auf meiner ersten Afrika-Tour, damals mit Joe Viera, in meinem Spiel niedergeschlagen. Persönlich hat mich beeindruckt, wie sich die Menschen in Afrika trotz wesentlich schlechteren ökonomischen Bedingungen eine Herzlichkeit und Lebensfreude bewahren. Man sieht dann die eigenen europäischen Einstellungen bezüglich Kritik und Nörgelei in einem anderen Licht.

Klaus Briest/Jazz Podium 4/05